Im Grübelschilf
Klappentext: "Dieter Bohlen ist Gott. Es kann sein, daß er die Rolle
mittlerweile abgeben mußte. So etwas kommt ja vor. Stefan Raab ist
immer mal wieder Gott. Vielleicht wird es 2006 Jürgen Klinsmann sein.
Neben anderen. David Beckham hatten wir schon. RTL ist mindestens so etwas
wie der Olymp, und wenn Bayreuth die Festspiele ausrichtet, weht der ganz
große Atem und wirbelt Frisuren und Frackschöße durcheinander.
Es sind eine ganze Reihe von Gedichten in diesem Band, die den ironischen
Grundton ins Satirische ziehen."
Mit einem Autorengespräch geführt von Walter Gödden. Illustrationen von Jochen Windecker. 136 Seiten, Leinen, 13,90 €. Ardey-Verlag, Münster 2006. ISBN: 3-87023-154-8
Pressestimmen
aus: "Literatur-Archiv-NRW", 1.11.2005
"…All die Qualitäten, die die Kritiker hervorheben
- sprachliche Meisterschaft in Kombination mit einem saloppen Themenmix,
der auf profunder Textkenntnis sowohl antiker Autoren als auch aktueller
"Neutöner" fußt - treffen auch auf Krügers neuen
Gedichtband "Im Grübelschilf" zu, der in der Reihe "Neue
westfälische Literatur" der Nyland-Stiftung, Köln, erschienen
ist. In einem im Anhang des Bandes beigefügten Autorengespräch
äußert sich der Autor über Grundzüge seiner Poetik
und sein Weltverständnis. Intellektuelle Abstraktion, wie sie vielfach
für heutige Lyrik kennzeichnend ist, lehnt der Autor ebenso ab wie
ein postmodernes "anything goes", dem eine gewisse Beliebigkeit
innewohne. Krüger kommt es vielmehr auf eine sinnlichen Verarbeitung
der multimedial auf uns einprasselnden Reize an: "Der Kopf kann ja
nur verarbeiten, was die Sinne ihm liefern. Und er kann sich seine Gedanken
machen über das Trugbildertum, mit dem er es zu tun hat. Das Sinnliche
ist die Grundlage des Dichtens. Ich würde so weit gehen und Mallarmé
widersprechen, der mal so etwas gesagt hat wie: Gedichte entstehen allein
auf der Grundlage von Worten. Nein: es sind Bilder, Bilder, Bilder - und
andere Formen sinnlicher Eindrücke... Aber als Dichter sollte man
versuchen, Verbindungen zu erkennen, Verbindungen, die auch scheinbar
Disparates miteinander in Beziehung setzten. Ich glaube da sehr an T.S.
Eliot, der den Dichter mal als jemanden bezeichnet hat, dem diese Fähigkeit
gegeben ist. Ich sehe das weniger als Fähigkeit denn als Aufgabe.
So tauchen neue Ingredienzien überall auf, aber mit ein wenig Gespür
oder Übung weiß man irgendwann, wo man suchen muß."
Auf sein Gestaltungsprinzip, Zeitebenen (oft mehrere Jahrhunderte) wie
mit einem unendlichen Weitwinkelobjektiv zusammenzuziehen, antwortete
der Autor: "Es gibt diese Trennung ja auch nicht wirklich. Jetzt
und Gestern sind immer miteinander verbunden. Die Zukunft ist der Spiegel,
auf den wir uns rasend schnell zubewegen: in dem wir uns und die Dinge
hinter uns erkennen, ohne zu wissen, was in dem Moment passiert, wenn
wir mit dem Spiegelbild kollidieren - ganz so wie in der Geisterbahn.
Das Einstein-Kontinuum ist ja grade ein Konstrukt, in dem wir uns einerseits
zwar gut auskennen, aber auch an die Grenzen unserer Vorstellung geführt
werden. Physikalisch gesehen sind Dinge möglich, die der sogenannte
normale Menschenverstand ins Reich der Fabeln und Legenden verweisen würde."
Eben hieraus leite sich die Rolle des Autors ab, der sich als professioneller
Arrangeur versteht. Der letzten Schritt bestehe darin, dem Gedicht durch
formale Meisterschaft sein ureigenes Profil zurückzugeben: "Der
Autor hat Möglichkeiten, Gesetze außer Kraft zu setzen. Aber
diese Möglichkeiten werden mit der Erkenntnis gewonnen, daß
die Gesetze letztlich doch ihr Spiel mit uns treiben. Ich denke, es kommt
nicht von ungefähr, daß die kleine Form eines Gedichts immer
die experimentellste Form der Literatur gewesen ist. Aus der Beschränkung
kommt der Wunsch und die Kraft, sich zu entgrenzen. Aus der Entgrenzung
und Erkenntnis unendlicher Begrenztheiten folgt der Rückfall auf
die Form als bindendes, verläßliches Element. Aus der Spannung
dieser widerstrebenden Kräfte lebt ein gutes Gedicht... Ohne Form
geht gar nichts. In der gelungenen Form emanzipiert sich das Gedicht vom
Autor und spricht sich schließlich selbst. Es muß Zauberkraft
entwickeln, um wirken zu können, und das ist eine Sache des Rhythmus,
der Bildfolgen, der Melodie. Die Form ist nicht allein Hülle: sie
ist die gesamte Struktur in allen Verästelungen und Verweisen…"
Walter Gödden
aus: "Kölner Stadt-Anzeiger"
"Auferstanden aus Getoastetem": Thomas Krüger grüßt
aus dem Grübelschilf. In seinem neuen Gedichtband lässt er der
Fantasie freien Lauf und dem Leser Raum für Interpretationen.
Wer in der Literatur "das Sesshaftwerden im Nomadischen" sieht
und bei der Gartenarbeit vom "gnadenlosen Zweitakt-Jambus eines Rasenmähers"
schwärmt, der muss einfach Verse schreiben. Thomas Krüger aus
Bergisch Gladbach ergeht es so. Für sein neues Buch hat es sich der
43-Jährige "Im Grübelschilf", so der Titel seines
Gedichtbandes, gemütlich gemacht. In dem Band, den Jochen Windecker
hintergründig illustriert hat, skizziert Krüger die abstrusesten
Begegnungen. Was seine Fantasie zu zuweilen bösartig sarkastischen
Bemerkungen animiert, entspringt irgendwo zwischen "Alice im Wunderland"
und "Deutschland sucht den Superstar".
Zwischen Matchball und Miniaturknall, zwischen Bohlen und Shakespeare
lässt er seinen Fantasien freien Lauf, die weit weniger surrealistisch
sind, als sie auf den ersten Blick wirken. In "Auferstanden aus Getoastetem"
inszeniert er den Krieg der Sterne in Köln-Kalk oder schwärmt
von einem schnellen Waldstück an der S-Bahnstrecke in Holweide.
Dass Thomas Krüger den Leser bei der Interpretation rundweg allein
lässt, ist durchaus dichterische Absicht. "Den Wunsch einer
1:1-Verbindung zwischen Autor und Leser habe ich nicht", erklärt
er im anhänglichen Gespräch mit Walter Gödden. Die schulmeisterliche
Frage "Was will der Dichter uns damit sagen?" ist ihm dementsprechend
ein Graus. "Mir ist es lieber, wenn zehn Leser zehn unterschiedliche
Bilder zusammenbringen."
Dafür bietet der Paffrather, zwischen Heute und Morgen, Höhlengleichnis
und Aldi-Tüte reichlich Stoff. Wer sich ins Grübelschilf wagt,
sollte also Zeit mitbringen, Gesellschaftskritik nicht abgeneigt sein
- und das Leben im Allgemeinen sowie sich selber im Besonderen nicht allzu
ernst nehmen.
Karin M. Erdtmann
