Thomas Krüger

Alarm auf Planet M

Alarm auf Planet M Epen werden schon lange nicht mehr geschrieben. Das ist schade, zumal in einer Zeit, die der epischen Form Steilvorlagen liefert. Ein Planet, der sich im Jahr 2000 auf der Höhe der technischen Zivilisation fühlt und dennoch tiefer in der Steinzeit steckt als in manchem Jahrhundert zuvor, bietet Stoff für epische Totalsatiren. "Alarm auf Planet M" ist ein Science-Fiction-Abenteuer in locker geschriebenen, zwölfsilbigen Terzinen. Die Zeit: der Beginn des dritten Jahrtausends. Der Ort: Pennsylvania und New York. Eines Abends setzt das Raumschiff "Spirit of Divinus" am Delaware nahe der Stadt Betlehem zur Landung an. An Bord des Schiffes befinden sich Commander Yahoo, Johann S. Bach II, Linda Evangelista und Pedro Dollar. Sie sind Abgesandte der zentralen Intelligenz des Universums, und sie sollen dem jungen, aufstrebenden Planeten M zu einem zivilisatorischen Entwicklungsschub verhelfen. Doch die gut gemeinte Mission der Sternenpiloten wird zu einem haarsträubenden Abenteuer, bei dem der amerikanische Präsident Wild Bill Hitchcock, die UN, Joanne K. Rowling, eine Truppe von radikalen Amazonen, General Norman B. Whitehead und ein Mops namens Apollo ganz entscheidende Rollen spielen.

Pendragon Verlag, Bielefeld 2004, 122 S., 12,80 €, ISBN 3-934872-70-0.

Das Vorwort des Buches
Leseproben: Die ersten zwei Szenen des Buches
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Das Vorwort des Buches

«Hail Muse! Et cetera.» - Lord Byrons Ökonomie in der Verwendung poetischer Dankesformeln ist vorbildlich. Doch bei aller Wertschätzung für einen Dichter, dem man weit mehr Popularität wegen seines Werkes denn wegen der Gerüchte um seinen Lebenswandel wünscht: es gibt Umstände, die dem Dank eine längere Passage nahelegen - dem Dank und der Entschuldigung:

Ich bedanke mich bei Lord Byron, Heinrich Heine, Wilhelm Busch, Loriot und Derek Walcott. Als Quintett sind sie unschlagbar, auch wenn sie selten gemeinsam auftreten. Ich bedanke mich bei Heinrich von Kleist und entschuldige mich für den Fall, daß meine Version des Marionettentheaters nicht seine Zustimmung finden würde. Ich bedanke mich bei Dante, Washington Irving und T.S. Eliot für ein paar schöne Bilder, Formulierungen und stimmige Szenen. Diesen Satz möchte ich hinsichtlich gewisser anderer Szenen, Formulierungen und Bilder an eine ganze Reihe von Dichtern richten sowie an Orson Welles, die Heiligen Drei Könige, Adam und Eva, Käptn Kirk und die Besatzung von Star Trek, Immanuel Kant, Tarzan, Charlie Chaplin, Stanley Kubrick, Silvester Stallone, James Bond, Wild Bill Hickock, Charles Lindbergh, Cat Stevens, Alfred Hitchcock, Rembrandt, Baron Münchhausen, Craig Venter, Francisco Goya, George Washington, Plato, das Moorhuhn, Cicero, Lorenco de Medici, den Alligator aus der New Yorker Kanalisation, Bram Stocker und Castor & Pollux. Ich bedanke mich bei all denjenigen, die ich vergessen habe und entschuldige mich bei Johann Heinrich Voß für den laxen Umgang mit Terzinen.

Ganz besonders bedanken möchte ich mich bei zahlreichen Personen aus Politik und Zeitgeschichte, deren Ähnlichkeit mit Charakteren im nachfolgend Beschriebenen eine Diskussion darüber erzwingt, ob Satire als literarische Form in Zeiten permanenter Realsatire überhaupt möglich ist. Dank geht auch an Terry Pratchett, dem ich bei seinem Hobby, dem Zusammenbruch der Zivilisation zuzusehen, über die Schulter schauen durfte. In gewisser Weise entschuldige ich mich bei Joanne K. Rowling, Walt Disney, Stephen Spielberg und George Lucas, obwohl der Erfolg ihrer Bücher und Filme schon vieles entschuldigt. Ich entschuldige mich ausdrücklich bei Bischof Odo von Bayeux, weil ich seinen schönen Wandteppich durch den Schmutz gezogen habe und trotzem hoffe, dass die Farben lebendig bleiben. Dank wiederum geht an Marvel Comics und Stan Lee für die Fantastischen Vier und an Niklas, den ich mindestens 20 Mal am Tag in seinem Bilderbücher-Bastkorb schaukeln darf. Ich habe nun Arme wie Popeye, obwohl ich seit Monaten am Schreibtisch sitze. Desgleichen danke ich Steve Martin, bei dem diese Art der Danksagung ihren Vorläufer fand. Oder sollte ich mich entschuldigen? Vielleicht wird es Zeit, die Vorstellung zu beginnen: Machen Sie sich bereit. Heben sie die Rocksäume. Es geht los...

Thomas Krüger, Februar 2004

 

Leseproben - die ersten zwei Szenen des Buches

It is a pleasant voyage perhaps to float,
Like Pyrrho, on a sea of speculation;
But what if carrying sail capsize the boat?
Your wise men don't know much of navigation;
And swimming long in the abyss of thought
Is apt to tire: a calm and shallow station
Well nigh the shore, where one stoops down and gathers
Some pretty shell, is best for moderate bathers.
Lord Byron: Don Juan

Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos.
Loriot


Szene I

Die Spirit of Divinus schob ihre Schnauze
in den Sand und rutschte noch ein paar Meter, bis
sie still lag wie eine gestrandete Plötze.

Die Hülle hatte kaum Schaden genommen. Es
stotterten die Positronal-Turbinen, und
vor dem Bug wölbte sich die Lippenmoräne

des aufgepflügten Sandbodens wie ein Schmollmund
in einem Wulst nach vorn - dann Ende der Szene.
Mit dem Vorhang begann ein neues Zeitalter.

Zunächst gähnte es auf ganzer Fischmaulbreite.
Zu viert standen im offenen Schott die Halter
des goldenen Raumschiffs und blickten ins Weite:

Commander Yahoo, Linda Evangelista,
der Inhaltemann Johann S. Bach II
und Pedro Dollar, der schweigsame Maschinist.

Aus dem Maul des Fisches senkte sich die Lande-
Plattform nach unten. Die Zunge gab den tausend
Tonnen weltraumerprobter Technik im Sand den

Anschein von Evolution, die sich wie rasend
auf ihr Opfer gestürzt hatte, um zu patzen
und atemlos am Ziel dieses großen Beamens

hypnotisierend in die Landschaft zu glotzen;
nun selbst als Opfer, mit Sternstaub in den Kiemen,
mit Weltraum und Dreck in den Schuppen der Plötze.


Szene II

Die Sache ereignete sich am Delaware,
im Staat Pennsylvania, gleich neben New Jersey.
Ganz in der Nähe von Kintnersville konnte der

Raumfisch notlanden, an einem winzigen See,
hinter dem Fluß, der sich als Grenzfluß in einem
weiten Bogen von Riegelsville bis Narrowsville

hinunter nach Süden streckte. In den kleinen
Siedlungen schlummerte Rip van Winkle. Dort fiel
niemandem etwas auf. Goldene Dämmerung

senkte sich über die Welt. Ein Auto brummte,
verschwand zwischen den Feldern, und sein Motorklang
störte nicht lang, da die Landschaft weitersummte.

Was die Raumfahrer sahen, als sie sich vorsichtig
aus der neonhellen Höhlung ihres Raumschiffs
an Land begaben, war das viergesichtige

Bild einer Windrose. Ein Stück westlich des Fischs,
quasi auf Armlänge von der Flußlandschaft ent-
fernt und strotzend im leuchtenden Apfelsinen-

rot, lag die Sonne am Horizont, dem Maul ent-
rollt, so schien es, und goldene Säfte glänzten
tropfen- oder pfützenweise auf den Wassern,

glitzerten mit dem Licht, als ob sie dort tanzte
auf ihrer Reifespur: Abend für Abend, die Nässe
dieser matschigen Kugel aus dem Lauf der Welt.

Yahoo wischte sich das Visier des Raumhelms aus
dem Gesicht und suchte irritiert einen Halt
in der Stichwortliste des gewählten Sektors.

Der Abend versenkte die Sonnenkugel bald
hinter den Bäumen. Dann folgte Dunkelheit, und
ein Wust von Begriffen griff sich die Rolle von

Unbekannten in einer seltsamen Gleichung.
Nichts in dieser Gegend folgte dem Lexikon,
das auf Divinus bloß das Buch der Wilden hieß.

Yahoo sah zum Himmel hinauf und wartete
auf ein Zeichen, doch die Sterne meinten nur: «Lies!»
So seufzte er und nahm das Buch und startete:

Aas, Abort, aerob, Ahasver, Autobahn ...
besiedelt sollte die Gegend sein und an der
Schwelle zur (davon war allerdings nichts zu sehn) ...

Baal, Babel, Banken, Baustelle, Berserker
... Zivilisation nach der dritten Ableitung ...
Er versuchte Camp und Ceterum Censeo

... jener Formel, die besagte, daß Entwicklung
verkehrsgeregelt vorankam. «Ist irgendwo
was zu entdecken?» rief er geistesabwesend,

in die Weite starrend, in den nichts-sagenden
Westen. Doch niemand antwortete, denn suchend
standen sie alle vier mit ihren fragenden

Blicken. Linda besah das südliche Funkeln,
Gewitterwolken im Schlepptau der Aphasie,
eine Nacht, die mit mächtigen Stirnen dunkel

über den Himmel zog und Gedankenblitze
gleich wirkungslosen Ankern in die Schwärze warf.
Pedro Dollar war in östlicher Richtung ver-

schwunden, wo er auf was anderes Schwarzes traf.
Er prüfte die defekten Turbinen und er-
kannte, daß der Fisch gestört schien an diesem Ort.

Dann aber redete Bach. Mit dem Blick des Snobs
hatte er etwas entdeckt: «Dort», rief er, und dort
waren ein Haus, ein Feuer, ein Pärchen, ein Mops.

 

Pressestimmen zu Alarm auf Planet M

aus: Westfalenspiegel 3/2004
"Dies ist ohne Zweifel das seltsamste und verrückteste Buch, das in den letzten Monaten auf dem Schreibtisch der Westfalenspiegel-Redaktion landete. Denn wer schreibt heute noch Terzinen? Jene komplizierte Strophenform, die in Reinkultur aus drei fünfhebigen Versen besteht, von denen sich der erste mit dem dritten reimt und bei mehreren Strophen die zweite Zeile mit der ersten und dritten der folgenden und so weiter und so fort...
Und das alles zusammengepuzzelt in einem Science-Fiction-Epos, das sich als erbarmungslose Gesellschaftssatire entpuppt und die nicht unexistenzielle Frage aufwirft: Wie würde die Menschheit reagieren, wenn wohlgesinnte Außerirdische vom Stern Divinus unseren Planeten betreten, um ihm einen zivilisatorischen Entwicklungsschub zu verpassen? Das Ganze kann, wie unschwer zu erraten ist, nur in einer Katastrophe enden. Denn sie treten gleich in Heerscharen auf, diejenigen, die aus dem Spektakel Kapital schlagen wollen. [...] Thomas Krügers Comic im antiken Versgewand geht zu keinem Zeitpunkt die Puste aus. Wozu auch das bunt zusammen gewürfelte Personal des Raumschiffes beiträgt. An Bord befinden sich Commander Yahoo, Johann Sebastian Bach II, Linda Evangelista und Pedro Dollar. Für Yahoo und Co ist die Exkursion zu den "schwarzen Schafen" auf der Erde ein ganz und gar ungeliebter Trip. Als er mit Bach und dem Gen-Forscher George in der New Yorker Kanalisation strandet, wird ihm klar, was er schon immer geahnt hatte: Dem Planeten, diesem "Explosivgemisch von Größenwahn und Fortschritt", ist nicht zu helfen [...] "Alarm auf Planet M" ist ein gewaltiger Crossover. Ein ebenso ausgeflippter wie seriöser -- man bedenke die Raffinesse des Versbaus - Stil- und Genremix quer durch Raum und Zeit. Und eben deshalb ist Krüger Reverenzerweis an Vorbilder und Antipoden im Vorwort ein bunt-schillerndes Vexierbild..."
Walter Gödden

aus: choices 4/04
"...eine ernste Mission, die sich zumindest für den hiesigen Leser zu einem kruden Sci-Fi-Spaß in wilden Terzinen entwickelt."
Lars Albat

aus: Kölner Stadtanzeiger 18. August 04
"Auf poppigen Wegen segelt auch Thomas Krüger, 44, aus Bergisch Gladbach. „Alarm auf Planet M“ ist eine verwirrende Science-Fiction-Geschichte von Außerirdischen mit sehr irdischen Namen, die auf einem mindestens erdähnlichen Planeten Abenteuer erleben. Für sein Erzählgedicht, dem 2003 der sperrig-intensive Lyrikband „Michelangelo rising“ voranging, benutzt Krüger einen sehr würdigen Vers: die dreizeiligen Terzinen, die durch Dantes „Göttliche Komödie“ geheiligt sind. Doch so fest er sich an zwölf Silben pro Zeile hält, so eigensinnig geht er mit dem Rhythmus um. Irritation auch hier. Am meisten Spaß macht das Lesen, wenn man im Kopf die Wortakzente scharf betont, wodurch der Text von ferne Rap-Charakter erhält."
Rainer Hartmann