Thomas Krüger

Michelangelo rising

Michelangelo rising "Michelangelo rising" versammelt Gedichte im Austausch zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen klassischen Formen und freien Versen. Sonettenkränze, Sonette, Oden, Gedichte in silbenzählenden Metren setzen Epochen und Sprachebenen miteinander in Beziehung. In den Gedichten dieses Bandes übt ein lakonischer, ironischer Tonfall Winkel- und Schachzüge durch die abendländische Kulturgeschichte. Die Rolltreppe im "Megastore" verbindet Himmel und Hölle. "Robinson Crusoe" sinniert als Raum-Schiffbrüchiger über den Verlust seiner Welt. Das "5-Tage-Ticket" nach England spiegelt Julius Cäsars Zug nach Britannien - und vieles mehr. Es sind Gedichte, in denen Alltags-Absurditäten zu Bestandteilen einer Geschichtskurve werden, die von höhlenmalerischen Gleichnissen über Agamemnon bis zu einem Computervirus namens Michelangelo verläuft.

Eine Reihe der in diesem Band versammelten Gedichte erschienen bereits in namhaften Literaturzeitschriften. U.a. in AKZENTE, in SINN UND FORM, NEUE DEUTSCHE LITERATUR, DIE HOREN, MUSCHELHAUFEN und GRIFFEL.

Pendragon Verlag, Bielefeld 2003, 128 S., 12,80 €, ISBN 3-934872-59-X.

Das Vorwort des Gedichtbandes
Leseproben: Gedichte aus Michelangelo rising
Stimmen zum Buch

 

Das Vorwort des Gedichtbandes

Ein frühes Fernsehbild, das in meinem Kopf herumspukt, zeigt den Dichter Christoph Meckel, wie er davon spricht, Sonette in ein Frauenhaar zu schnitzen. Ein faszinierendes Bild, das ich später um so faszinierender fand, als Fernseh- und Filmbilder zwar das erlernte Laufen zur akrobatischen Kunst entwickelten, aber Sonette in ein Frauenhaar schnitzt noch immer allein die Lyrik, die Poesie. Sie mag unter den literarischen Gattungen die am häufigsten bestattete sein, aber das macht ihre Qualitäten aus. In der Lyrik ist Platz für vieles, weil sie Atmosphäre ist - die Atmosphäre des Totenreichs. Ein ganz besonderer Luftgeist wirkt in ihr und ein Organismus, der schon längst nicht mehr gehorcht. Sich selbst nicht und niemandem sonst.

Meckel, der seine Frankfurter Poetikvorlesungen Ende der achtziger Jahre "Von den Luftgeschäften der Poesie" nannte, fand dafür eine sehr schöne Beschreibung an den Rändern des Akademischen: Die Treue meiner Bücher und Bilder erfreut mich, sagte er, sie sind, unter immer mehr Staub, immer wieder dieselben, obwohl ihre Inhalte sich zu verändern scheinen. Nach Jahren zeigt sich: es fanden Austausche statt. Eine Schlittenfahrt in "Anna Karenina" ist in einer Erzählung von Tschechow aufgetaucht, und "Bartleby", eine Weile bei Beckett verborgen, ist nach langer Fahndung zu Melville zurückgekehrt. Die Bilder hängen verwackelt an allen Wänden, das kommt aus den Schütterungen der Metropole, aus Getöse soussol und erdballbebenden Kräfen, die im Lauf vieler Jahre in die Bücher gehn, kaum sichtbar verschiebendes, reibendes Unwesen treiben, Buchbretter verbiegen und Staub in Papiere versenken, dem Vergänglichen zuarbeiten auf ruhige Art.

Was soll ich dem hinzufügen? Die Gedichte dieses Bandes entstanden zwischen 1997 und 2003. Sie haben sich heftig herumgetrieben, wie noch viele andere, die nicht mehr dabei sind. Die auf der Strecke gebliebenen Verse haben sich übernommen. Von den hier versammelten bin ich guter Hoffnung, daß nur noch wenigen die Puste ausgehen wird.

Thomas Krüger, März 2003

 

Leseproben: Gedichte aus Michelangelo rising

aus: Megastore:

Alle können nichts dafür und haben es nicht gewollt.
Es geht wirklich ohne jeden. Alles wird mitgerissen
und bleibt in irgendeinem Rechen hängen.
Friedrich Dürrenmatt

I

Ich lief, und ich lief in einen Spiegel
in diesem Megastore, kurz vor Ladenschluß.
Ich wollte nach draußen und stieß
mit dem Kopf sozusagen gegen eine schon

zurechtgelegte Kugel, meinen imaginären
Gegenschädel. Ich hatte ja nichts gesehn und muß
wohl unbewußt an diese harte Nuß,
die Fortsetzung meiner selbst als ziegel-

harten Beweis des unerreichbaren Jenseits
geraten sein. Dann setzte der Schmerz ein mit
unmerklicher Verzögerung, beinahe materiell,

und der Spiegel zersplitterte. Ich glaubte vor Schreck
wie Luft ins Vakuum zwischen den Sternen zu schießen.
Nur weg, dachte ich und flüchtete schnell.

 


aus: A-2-Gedichte:

Where the fuck is Alice?

Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn.
J.W. von Goethe

Es ist das unbestimmte Gefühl, betrunken zu sein im
Vollbesitz einer Geburtstagslaune, als löste sich vom
Westen her der Befehl zu ernten, und aufs Steuer gelehnt
zögst du die Schauer mit Siebenmeilenschritten in dein Hirn.
Halluzinationen lassen auch Orte wie Oelde nicht
flachgeregnet zurück, so gänzlich ohne die Magie von
Hunderten von Karnickeln, auf die du die Gänsehaut legst
und der Himmel den Regenbogen - in einer Art Vision.
Die Äcker sind jedenfalls voll. Die zitternden Haarbälger:
die Zeiger der Schrecksekunde - in plötzlicher Präzision,
so bist du vorbeigerauscht, und Jupiter dreht seinen Schild
einen Bruchteil der Schrecksekunde ins Licht, bis die Sonne
an dir abprallt und über die Wasserflächen zurückblitzt:
ein Lidschlag, vor dem sich der schweifende Blick zu Boden stürzt,
ausgefällt in einer schmerzlichen Reaktion, weil dir der
Sinn für den Himmel gleich ein paar Adlern hinter der Stirn kreist.
Dann ist die Szene gelöscht oder wenigstens verlegt wie
das Zeitgefühl in diesem Suchmodus, der es ersetzt hat.
Du purzelst hinunter in irgendeines der Erdlöcher,
ein Windstoß oder Reflex, der die Karten noch einmal mischt,
und dem Kopf bleibt Leere zurück und den Äckern der Hunger.

 


aus: Gelegenheiten für Sonette:

Mont Ventoux

Francesco, mir schlotterten die Knie, ich
vermißte, wo die Kälte deine Spur
verneinte, deinen Geist: kurzum, ich fror
und sah in Jogginghosen, Turnschuhn, dich

nicht mehr. So stand ich wohl beklommen, nicht
erschüttert auf dem Mont Ventoux und fuhr
im Geist, in dem der Kühler kocht, die Tour
schon wieder runter - es war langweilig.

Man stand mir auf den Füßen, wo der Blick
dem Parkplatz wich, und wo sich mein Genick
verrenkte, weil es Schokotaler sah

auf einem Naschwerktisch am Fahrbahnrand,
und wo der einzige mit Sachverstand
der Mann vom Stand war: der stand vor uns da.

 


aus: Formfragen:

III Ode an die Bachforelle

Der Fisch, der wie ein winziger Schlitz den Leib
in einem Leib von Strömung gekonnt versteckt,
als ob es zwischen Flossenschlag und
springender Pfeilspitze ausweicht diesem

Geplänk der Schatten, Sprenkeln von sattem Licht:
das Nichts, mit dem das Fließen sich mischt und steht.
Ein schlichter Satz kann nur verfolgen.
Dichtung verfehlt die Gestalt des Fisches

so sicher wie ein Hagel von Pfeilen, die
laut Zenon stillstehn. Unruhigen Glanz umschreibt
die Sprache, deren Dichte fortschreibt,
tastend als Strömung noch mal die Spitze

erkennt, die flink den inneren Raum berührt
und dann das Wort von außen verändert. Stumm.
Ein schlichter Satz kann übersetzen.
Klarheit bleibt übrig. Der Fisch entschlüpfte.

 

Pressestimmen zu Michelangelo rising

aus: die horen 211 - Heft III/03
"Die Dichter dürfen wieder intelligent sein, anspielungsreich, ja sogar gebildet. Das Epitheton ‚kopflastig' hat sich aus dem Vokabular der Kritiker endlich verabschiedet. Der Begriff ‚poeta doctus' ist nicht mehr Schimpfwort, sondern fast schon wieder Ehrentitel [...]. Intelligenz, die leichtfüßig daherkommt, Anspielungsreichtum, der nicht auftrumpft, bildung, die in ästhetischen Formen aufgehoben wird - das sind Elemente, die sich in der Lyrik nicht alle Tage finden. Aber doch in Thomas Krügers Debut Michelangelo rising..."
Harald Hartung

aus: Süddeutsche Zeitung 16. Februar 04
"...Sein erster, 2003 erschienener Gedichtband ‚Michelangelo rising' besticht durch formale Vollendung - jede Menge Sonette und Sestinen - und einen unangestrengten, ironisch gefärbten Gang durch die abendländische Kulturgeschichte. Alltagsabsurditäten - von Agamemnon über Michelangelo bis Dieter Bohlen - werden Bestandteile einer eigenwilligen, lakonisch-akrobatischen ‚Geschichtskurve'..."
Joachim Sartorius

aus: Rheinische Post 17. April 04
"...Während in den Überschriften immer wieder englische und französische Sprachfetzen als Pop-Elemente auftauchen, beginnt und endet der Band mit einem Sonettenkranz, also je 15 durch Anfangs- und Enzeile miteinander verbundenen Sonette. Dabei geht Krüger gekonnt lässig mit dieser klassischen Form um. Sogar alkäische Oden gelingen ihm formal und inhaltlich..."
Henning Heske